Unterwelt

Urlasgang

Schriftliche und mündliche Berichte über diverse Gänge in der Region gibt es im Kirchberger Ländchen seit Generationen. In der Pfarrchronik als „Gänge aus uralter Zeit“ bezeichnet, gibt es bis heute kaum einen Kirchberger, der älter als 50 Jahre ist und nicht als Bub durch diese gelaufen wäre. Berichtete der verstorbene Gastwirt und Fleischermeister Alois Mayer noch davon, als Bub kreuz und quer unter Kirchberg durch Gänge gelaufen zu sein, so weiß die Generation der heute 60- bis 70-Jährigen von Gängen, die vom Schloss wegführen, von Gangeinbrüchen bei der nördlichen Kirchenstiege, talseitig unterhalb des Hauses Pschaiden oder nahe dem Pappelwald unter dem Friedhof. Auch die heute über 50-Jährigen erinnern sich noch gut an ihre Expeditionen in Gänge, die von der damaligen „Deutsch-Schottergrube“, wo heute das Wirtschaftsgebäude von Alfred Deutsch steht, mannshoch in den Urlas gegangen sind. Grund genug, sich dieses Teiles unserer Geschichte systematisch anzunehmen.

Ein Gang, der zumindest an dieser Stelle, der Längsrichtung des Urlas folgt, wurde durch die Straße vom Tiefernitz- in das Raabtal geschnitten. Er ist heute noch links und rechts der Straße auszumachen. Der sich in Richtung Osten fortsetzende Gang, heute der Grund der Familie Platzer, wurde bislang noch nicht beforscht.

Wohl aber das nach Nordwesten führende Gangfragment. Dieses ist als Schaugang adaptiert und als Veranstaltungsstätte kommissioniert. In diesem werden immer wieder Einzel- und Gruppenführungen sowie kleinere kulturelle Veranstaltungen durchgeführt. Bei Interesse an einer Führung wenden Sie sich bitte an Andreas Fuchs (0664/2128660) oder Johann Ernst Scheiner (0664/9208890).

Der Eingangsbereich dieses Gangfragments, der sich unter einem hallstattzeitlichen, später römisch überbauten denkmalgeschützte Hügelgrab befindet, wurde um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vom Landwirt Peter Wunderl zum Schotterabbau nachgenutzt. Ein Arm dieses Ganges wurde durch Verbauung für die Nachwelt erhalten. Die am 13. November 2010 gefundenen 8 bzw. 10 m langen Gangfragmente waren an beiden Enden verschüttet. Sie wurden von Dr. Heinrich Kusch vermessen und danach vom Historischen Verein und der Gemeinde Kirchberg wieder verschlossen.

Bei der nächsten Grabung unter der archäologischen Aufsicht von Mag. Dr. Georg Tiefengraber im Jahr 2011 stieß man auf einen weiteren Gangarm. Durch eine Öffnung in 5 m Tiefe gelangt man in einen größeren Gang, der sich bis zu einer Breite von 2,50 m ausweitet. An manchen Stellen erreichen die Räume eine ungewöhnliche Höhe von mehr als 2,50 m. Interessant ist hier die Bauweise eines Nebenganges: Während sonst, sowohl am Urlas als auch am Harrachberg, Seitengänge stets im rechten Winkel abzweigen, weicht im Urlas ein Gang von dieser Bauform ab und verläuft schräg abgehend 14 m in einer weitgezogenen Linkskurve in Richtung Friedhof. Die Gesamtlänge der im Urlas als Schaugang ausgewiesenen Anlage beträgt über 60 m.

Im Zuge des Erhaltungsprogramms wurde die Anlage mit einem Eingangsportal und einer Metalltür versehen.

360° Panoramafoto

Großer Harrachberggang

Im Jahr 2011 wurde am Nordhang des Harrachberges ein Gang entdeckt, der, wiewohl deutlich länger, dem Typus des oben beschriebenen Urlasganges entspricht. Es ist ein langer, im wesentlichen gerader Stichgang, von dem im 90-Grad-Winkel Seitennischen und Gänge abgehen. Es sind Griff- oder Lichtnischen in, nach unserer heutigen Durchschnittsgröße, Brusthöhe angebracht, um in Lehmbrocken gesteckte Kienspäne zu tragen. Knapp 60 m im Berg weitet sich der Gang zu einem großen, ausladenden Raum. Darüber hinaus machen allein die Dimensionen einen Unterschied zum Urlasgang. Der Harrachberggang hat einschließlich der Nebengänge eine Länge von 170 m. Der Stich- oder Hauptgang erreicht eine Länge von 65 m mit einer durchschnittliche Höhe von 2 m und einer durchschnittlichen Gangbreite von 1,50 m und ist durchwegs sehr gut erhalten. Von diesem aus gehen nicht weniger als weitere zehn, zwischen 2 und 18 m lange Seitenstollen in den Berg ab.

Auch am Harrachberg hier sind Absicht, Zweck und Alter der Gänge völlig unklar. Nach Auskunft der Berghauptmannschaft sind die Kirchberger Gänge in den geführten Aufzeichnungen nicht erwähnt. Das kann, nach weiterführender Auskunft der Berghauptmannschaft, nur bedeuten, dass sie entweder niemals einer gewerblichen Nutzung gedient haben, oder aber deutlich älteren Ursprungs sind.

Um den Gang für weitere Forschungen zu erhalten, wurde auch dieser Eingangsbereich mit einem Portal und einer Metalltür versehen.

Weitere Harrachberggänge

An den Ausläufern des Harrachberges wurden zwei weitere Gänge beforscht. Bei beiden Objekten sind die Eingänge verstürzt und mit meterhohen Opokplatten verfüllt. Der eine weist geradewegs in Richtung Hof, endet jedoch nach 14 m blind. Der hintere Teil des einen Ganges hat eine Höhe von 2 m und eine kontinuierliche Breite von 1,20 m, der Eingangsbereich eine Breite von bis zu 1,80 m. Dieser ist, vielleicht gerade aufgrund seiner Breite, der Statik zum Opfer gefallen. Dieses Gangfragment wurde nach der Erfassung und Katalogisierung aus Sicherheitsgründen wieder verschlossen.

Auch beim zweiten gewinnen wir ein ähnliches Bild: Nach Überwindung von abgebrochenen Opokplatten, die bis zur Decke eine Niveaudifferenz von 4 m (!) bilden, erreicht man eine gangartige Struktur von 11,5 m Länge. Hier sind die Deckenteile derart zerklüftet, dass die Anlage an natürliche Höhlen erinnert. Nur bei Einstieg über den linken Seitenteil kommt man zur ursprünglichen Sohle, von der wiederum Seitengänge wegführen. Neben dem Hauptgang, mit einer Länge von 25 m, einer Breite von bis zu 4 m und einer Höhe von 2,5 m, erstrecken sich vier Nebengänge, deren längster 9,60 m misst. Auch dieser Gang endet blind und wurde wieder verschlossen.

Sandsteingang in Hof

Ein weiterer, im Sommer 2013 begangener und erfasster Gang befindet sich nahe der ehemaligen, inzwischen abgetragenen Prahl-Schmiede am Südende von Hof. Dieser leicht gewundene Sandsteingang endet nach 8 m blind. Im Sommer 2013 war der Eingangsbereich vollständig mit Sedimenten verfüllt.

Erdkammer Fladnitzberg

Auf dem Fladnitzberg befindet sich eine in Sandstein gegrabene Anlage mit einer Kammer. Nach Überwindung abgebrochener Deckenteile im Eingangsbereich gelangt man in ein 4,50 m langes und 1,30 m breites Gangstück. Dieses geht in beide Richtungen in einen Rundgang mit einer Gesamtlänge von 16 m über. Dahinter befindet sich eine fünf Quadratmeter große Kammer, in der von spielenden Kindern nachträglich Sitzflächen, Nischen und eine Wandsäule eingearbeitet wurden.

Diese Anlage erinnert von ihrer Grundform her stark an Erdställe im niederösterreichischen Raum. Gerade bei Erdställen findet man sehr oft enge Rundgänge mit halbrunden bis spitzbogenartigen Decken, die in eine Abschlusskammer münden. Auch die dort vorfindliche Form der dreieckigen Wandnischen erinnert frappant an die Fladnitzer Erdkammer.

Ob es sich tatsächlich um einen mittelalterlichen Erdstall handelt, da Wand- und Deckenteile in den 1990er-Jahren nachträglich bearbeitet wurden und daher so gut wie keine Originalstrukturen mehr vorhanden sind, ist nicht zu sagen. Recherchen von Mitarbeitern des Historischen Vereins ergaben, dass die Anlage bereits vor den beiden Weltkriegen existierte und in den letzten Jahrzehnten immer wieder von Jugendlichen heimgesucht und erweitert wird.

Nächste Schritte

Für die nächsten Jahre ist die weitere Erkundung, Beforschung und Datierung der „Unterwelt“ des Kirchberger Ländchens geplant. Wie der älteren Literatur zu entnehmen ist, wurden noch zahlreiche unterirdische Fluchtgänge angelegt, die sich oft kilometerweit hinzogen. Wünschenswert ist, dassv diese Arbeit eines Tages in einer umfassenden Kartographierung der Gänge gipfelt.

Pfarrkirche St. Florian

Die Pfarrkirche von Kirchberg, geprägt von mehreren Bauepochen, steht auf römischen Fundamenten, die selbst wieder vermutlich auf einem vorrömischen Unterbau ruhen. Fundberichte aus dem Jahr 1889 schreiben zwei Mühlsteine, eine Eisenklammer und den Oberteil eines Tontopfes der Römerzeit zu. In den 1970er-Jahren wurden einige spektakuläre Funde unterhalb des heutigen Kirchenbodens gemacht.

Vor dem 2 m hohen Epitaph von Feldmarschall Sigbert Graf Heister, das in lateinischer Sprache die Ruhmestaten dieses kaiserlichen Generals beschreibt, der ab 1696 auf der Herrschaft Kirchberg saß, das Barockschloss, das Gewölbe der Pfarrkirche, die Dreikönigskapelle in der Kirche, die seit dem 19. Jahrhundert in den Kirchenraum integriert ist, uvm. hinterließ, soll die heisterliche Gruft liegen. Tatsächlich wurde beim Einbau der Bodenheizung ein Hohlraum gefunden, von dem die einen sagen, er sei völlig mit Sand verfüllt gewesen, die anderen wiederum, er sei offen, aber vollkommen leer gewesen. Inzwischen wissen wir, dass Sigbert Graf Heister vermutlich in der Schlosskapelle bestattet wurde und bei der Abtragung der Kapelle vermutlich nicht in die Kirche umgebettet wurde.

Ein vieleckiger Raum unter dem Volksaltar, von welchem strahlenförmig Nischen, oder gar Gänge abgehen, wird von mehreren Kirchbergerinnen und Kirchbergern noch heute bezeugt.

Mit ziemlicher Sicherheit liegen eine oder gar zwei Reihen von Gruften unter den Stufen zum Altarraum. Bei den meisten dieser Gruften wissen wir nach Studium der recht genauen Angaben im Totenbuch seit 1639, wer hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Die Gruften waren der „zeitgenössischen Elite“ von Kirchberg vorbehalten: die hohe Beamtenschaft der Herrschaft Kirchberg, respektive die Verwalter und deren Gattinnen. Auf die Gruft direkt unterhalb der Kanzel bezieht sich eine Totenbucheintragung vom 24. Oktober 1710: „die Wohledl Gestrenge Frau Maria Christina Thimmein, Verwaltherin bey der Hochgräffl. Herrschafft alhier [ist] Frühe zwischen 6 Undt 7 Uhr in Gott seelig entschlafen, undt ist den 25. dito darauff Conduciert, undt in alhiesigen Gottshauß unter der Canzel Zur Erdn bestättet worden Ihres alters in dem 20ten Jahr.“ Sie war die Ehefrau des heisterlichen Verwalters Franz Ignaz Thieme.

Im Eingangsbereich der ehemaligen Marien- bzw. Unser-Lieben-Frauen-Kapelle, der heutigen Taufkapelle, liegt seit 1706 Pfarrer Dr. Franz Josef Megerle, der Ende 1698 nach Kirchberg gekommen war. Er war ein naher Verwandter des Abraham a Santa Clara und als Pfarrer aus St. Kathrein am Offenegg nach Kirchberg gekommen. Die Kapelle ließ er aus Eigenmitteln erbauen. Bis in unsere Tage ist er aber vor allem auch deswegen bekannt, weil er mit allen Mitteln darum gekämpft hat, eine Perücke, ebenso wie der gesamte heisterliche Hofstaat, tragen zu dürfen.

Im Zuge von Maurerarbeiten wurde am 2. November 1977 die Stiege zur Sakristei entfernt. Dabei brach ein Teil einer Steinmauer, die bislang für ein Fundament gehalten worden war, ein und das Fragment eines gemauerten Torbogens sowie ein 6 x 2 m großer Raum wurden sichtbar. Dahinter tat sich ein längst vergessenes Ossarium auf, in welchem Hunderte von langen Röhrenknochen und Totenschädeln gelagert sind. Links die Knochen, rechts die Schädel. Eine Dame aus Kirchberg, zeitlebens aufs Engste mit der Pfarrkirche verbunden, erzählt noch immer gerne von einem Schädel, der mit „vielen arabischen Ziffern beschrieben war“. Dieser ist heute verschollen.

1977 wurden eine Wand und Deckenteile von der Gemeinde verstärkt und der Einstiegsschacht mit einem luftdichten Deckel vor der Sakristeitür versehen. Das Ossarium wurde 2012 vom Historischen Verein in Kooperation mit der Pfarre Kirchberg und dem Bundesdenkmalamt untersucht. Dabei wurden konservatorische Maßnahmen ins Auge gefasst, die im Sommer 2017 mit einer vollständigen Sanierung durch die Mithilfe Dutzende freiwilliger Helfer und wissenschaftlichen Beforschung bzw. anthropologische Befundung des Ossariums gipfelten.